Terminkalender des Arbeitskreises Fahrrad im Straßenverkehr

Die nächste Sitzung findet statt: Termin und Ort wird noch bekannt gegeben.

  

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ehrenamtlicher
   
Funktion

Bernd Palm Arbeitskreisleiter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto (l): Bernd Palm

Anmeldung erbeten!  Mo−Fr von 9.00−13.30 Uhr, Sabine Reddig Tel.: 754 918 0 E-Mail: reddig@fahrlehrerverband-berlin.de

 

Bericht des Arbeitskreisleiters Bernd Palm

Am Freitag, den 08. Februar, hatten alle Verbandsmitglieder die Gelegenheit, neue Sichtachsen zur Mobilität in Großstädten eröffnet zu bekommen.

 Der Arbeitskreis „Fahrrad im Straßenverkehr“ hatte Heinrich Strößenreuther als Gast eingeladen. Gerne folgte Herr Strößenreuther der Einladung und hatte noch eine Mitstreiterin an seiner Seite. Ihm sei es nach eigenen Aussagen schon länger ein Anliegen, mit den Verkehrsausbildern in Kontakt zu kommen, und hier bot sich ihm die Gelegenheit. 

Wer ist Heinrich Strößenreuther? Wer kennt ihn nicht?

Ein Profil von ihm ist nachzulesen auf der Webseite der „Agentur für clevere Städte“, deren Geschäftsführer er auch ist. Auf der Seite „Über mich, über Heinrich Strößenreuther“ steht beispielsweise, dass er „Deutschlands bekanntester Fahrrad-Aktivist“ ist oder dass er „Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Mobilität als ungelöste Alltags- und Zukunftsprobleme betrachtet“, dass er „von 2013 bis heute mehr als 500 Tage ehrenamtlich als Initiative Clevere Städte oder in dem von ihm angeschobenen Volksentscheid Fahrrad“ gearbeitet hat.

Der vielen von uns bekannte Berliner Volksentscheid Fahrrad vom Juni 2016 wurde also von ihm initiiert und hatte in der Berliner Bevölkerung eine nicht geahnte Resonanz. In kürzester Zeit waren über 100.000 analoge Unterschriften gesammelt worden.

 Die Ziele des Volksentscheids sollten sich zunächst im Berliner Radverkehrsgesetz (BerRG)  wiederfinden und sind heute in dem Berliner Mobilitätsgesetz vom 05.07.2018 aufgegangen. Nachzulesen unter: https://www.berlin.de/senuvk/verkehr/mobilitaetsgesetz/

 In einem spannenden und hochinteressanten Vortrag lauschten wir Herrn Strößenreuther, wie er uns seine Gedanken, Anliegen und Ziele hinsichtlich künftiger Mobilität in Großstädten aufzeigte und darlegte.

Der Einladung in die „Fahrschule am Schloss“ nahe des Schlosses Charlottenburg waren außerdem zwei Kollegen von der Fahrradstaffel der Berliner Polizei gefolgt, denen wir nach dem erfolgreichen letzten Treffen weitere Teilnahmen an diesem Arbeitskreis angeboten hatten. Natürlich reisten die beiden Polizisten zünftig in Dienstkleidung und mit dem Polizeifahrrad an!

Nach Einschätzung der meisten Anwesenden ist die Arbeit der Fahrradstaffel insofern sehr erfolgreich, dass sich die Verkehrsmoral in dem Einsatzgebiet der Fahrradstaffel spürbar gebessert hat und zwar sowohl die Verkehrsmoral der Kraftfahrzeugfahrenden als auch die der Fahrradfahrenden, ohne dies an dieser Stelle konkret mit Zahlen belegen zu können. So kam in der Vorstellungsrunde eine kurze Diskussion über die Arbeit der Fahrradstaffel auf und der Wunsch, doch das Einsatzgebiet auf andere Bezirke auszuweiten. Leider mussten uns aber die Kollegen von der Polizei in diesem Wunsch dämpfen; das sei mit der derzeitigen Personalsituation der Polizei kurzfristig nicht zu schaffen. Jedoch wird konkreter überlegt, den Bezirk Kreuzberg in das Einsatzgebiet zu integrieren, weil gerade auch hier ein großer Bedarf nach etwas mehr Regelkonformität gesehen wird.

Nach der schon spannenden Vorstellungsrunde war es nun endlich so weit, dass Herr Strößenreuther mit seinem Vortrag starten konnte, den er mit einer Präsentation an der Leinwand begleitete. Folgende Kapitel hatte er sich unter der Überschrift „Verkehrssicherheit und Miteinander fördern“ für uns vorgenommen:

        -       Ursachen
-       Ansätze und Aktionen
-       Mobilitätsgesetz
-       Fahrrad-freundliche Autofahrer
-       Ein paar Ideen für gemeinsame Aktionen

Ein Problem sehen Herr Strößenreuther und seine Mitstreiter*innen in der Tatsache, dass es nach seinen Zahlen in Berlin jährlich ca. 17.000 Kfz-Zulassungen mehr gibt und die Spitze dieser Tendenz noch lange nicht erreicht sein dürfte. Gleichzeitig hätten aber Untersuchungen gezeigt, dass die Nutzung des Autos in den Innenstädten zurückgeht. Die Folge sind ungenutzte Fahrzeuge, die viel Parkraum beanspruchen, der auf der anderen Seite anderen Verkehrsteilnehmern fehlt und z.B. für sicherere Radwege genutzt werden könnte.

Der Klimaschutz-Aktivist Strößenreuther, wie er sich selber in dem Vortrag betitelt hat, fordert mehr Flächengerechtigkeit. Durchschnittlich 3% des Straßenraumes würden dem Fahrrad zugestanden werden, 20-mal mehr dagegen den Autos. Und das obwohl der Fahrradverkehr in den Innenstädten und besonders in Berlin stetig steigt. 2013 sollen nach Messungen innerhalb des Berliner S-Bahnrings bereits 18% mehr Wege mit dem Rad zurückgelegt worden sein.

Der Flächenkonflikt ist der zentrale Konflikt! Als Gegenbeispiel wurden Holland und dort Amsterdam angesprochen, wo der Verkehr nach seiner und auch der Einschätzung anderer Teilnehmer wesentlich entspannter ablaufen würde. In Holland wurde rechtzeitig damit begonnen, Radfahrenden mehr Raum zur Verfügung zu stellen. Mangelnder Sicherheitsabstand, riskante Überholmanöver, Gefahren durch unachtsam geöffnete Autotüren und gegenseitige Behinderungen träten dadurch wesentlich seltener oder erst gar nicht auf. 

Mit größerer Flächengerechtigkeit, so seine These, würden mehr Autofahrende bereit sein, auch mal das Fahrrad zu benutzen. Nach seinen Erkenntnissen hätten eben viele Angst, in der Stadt überhaupt oder in manchen Bezirken oder Straßen Fahrrad zu fahren, weil es zu gefährlich sei. Als Beispiele nannte er mehrere Namen von öffentlichen Personen. Und das deckt sich auch mit unserer sicherlich nicht repräsentativen Umfrage bei einer unserer ersten Arbeitskreistreffen, wo viele unserer Kollegen*innen ähnliche Ängste äußerten.

Wer von uns traut sich schon, in der Stadt seine Kinder mit dem Fahrrad zur Schule zu schicken. Als Alternative wird wieder das Auto gesehen, was die Verkehrsdichte wiederum erhöht. 90% aller Berliner Radwege, sagt Strößenreuther, seinen nicht kindersicher.

 In seinem Credo wolle er gar nicht das Auto verdammen. Wer Auto fahren wolle, solle es auch weiterhin tun können. Aber durch eine gerechtere Verteilung des Straßenraumes käme es seiner Ansicht nach automatisch auch zu einer Abnahme des motorisierten Verkehrs und damit wieder zur Entspannung; quasi ein Kreislauf.

 Schleppendes, zögerliches und abwägendes Verhalten der Regierenden zu größerer Flächengerechtigkeit nannte Strößenreuther deshalb auch „politische Feigheit“. Absolutes Unverständnis hatte er dafür, dass viele bauliche Maßnahmen unverhältnismäßig lange Zeit benötigten. Oft müssten es gar nicht große Baumaßnahmen sein, sondern nur kleine Veränderungen (ein paar Markierungen, ein paar Poller, Verkehrszeichen oder Ampelschaltungen). Es fehle am politischen Druck, an der nötigen Lobby und dem öffentlichen Interesse. Man möge sich nur vor Augen halten, mit welchem Aufwand der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz geschützt wurde, nachdem es dort durch einen Anschlag Tote gegeben hat.

Strößenreuther wollte deshalb mit seinem Fahrradentscheid auch Lobby schaffen, damit Radfahrende mehr gehört werden.

 Das Stichwort „gegenseitige Rücksicht“ führte zu einem weiteren Themenfeld des Abends. „Regelverhalten statt Rücksicht!“ Nach Strößenreuthers Auffassung ginge es in erster Linie gar nicht um gegenseitige Rücksicht sondern vielmehr um Einhaltung der bestehenden Regeln, und zwar auf allen Seiten! Würden z.B. vorgeschrieben Sicherheitsabstände eingehalten, Park- und Halteverbote beachtet werden, Fahrtrichtungszeiger eingesetzt werden und Vorrang- und Vorfahrtsregeln strenger beachtet werden, würden dies ein erheblicher Beitrag zur Verkehrssicher sein. Als Beispiel sei hier das Parken auf Radwegen oder Fahrradschutzstreifen herangezogen; weil der Schutzstreifen oder Radweg zugeparkt ist, sind die Radfahrenden gezwungen, auf die Fahrbahn auszuweichen, was wiederum den Verkehrsraum des Autofahrenden verkleinert. Dieser löst das Problem möglicherweise wieder durch zu geringen Seitenabstand und gleichzeitig öffnet der Falschparker noch unachtsam die Fahrertür … Mehr muss man an dieser Stelle nicht ausführen!

 Jetzt waren wieder die beiden Kollegen der Polizei im Fokus. Leider ist es gang und gäbe, dass zu wenig und zu selten kontrolliert und geahndet wird. Oft gewinnen die Bürger auch den Eindruck, dass in bestimmten Bezirken oder Straßen das Fehlverhalten schon toleriert wird oder davor resigniert wurde. Die Erfahrungen konzertierter Aktionen und konsequenter Ahnung, notfalls mehrfach täglich, haben andererseits schon beachtliche Erfolge erzielt. Leider aber nicht dauerhaft und nachhaltig.

 Dass die Polizei unter personellem Mangel leidet, haben die Teilnehmer den beiden Polizisten natürlich nicht vorgehalten. Sie können daran ebenso wenig ändern. Aber allen war bewusst, dass über konsequentes Ahnden von Verkehrsverstößen regelkonformes Verkehrsverhalten erreicht werden kann. Natürlich wären nach Ansicht von Herrn Strößenreuther auch höhere Verwarnungs- oder Busgelder hilfreich. Er räumte aber im gleichen Atemzug auch ein, dass man mit den bestehenden Busgeldern schon viel erreichen würde, wenn sie nur immer wieder und konsequent verhängt werden würden.

Herr Strößenreuther stellte uns begleitet von Fotos viele Aktionen aus seinen Reihen vor, die weniger das Ziel hatten, den Kraftfahrzeugfahrenden zu ärgern, als vielmehr Aufmerksamkeit und Medieninteresse zu schaffen.

 „Regeln für den Großstadtverkehr“ nannte er eine Reihe von Verhaltensempfehlungen an Radfahrende, um im Großstadtverkehr zu „überleben“. Darunter waren auch Empfehlungen wie z.B., dass Radfahrende auch wie in der StVO vorgeschrieben Handzeichen zum Abbiegen geben sollten und selber einen Schulterblick zu abbiegenden Fahrzeugen machen sollten.

 Über das Stichwort „Schulterblick“ führte die Diskussion zur Verkehrsausbildung. Die Fahrlehrerschaft erläuterte, wie intensiv der Schulterblick und auch der sogenannte „Holländische Griff“ geschult werden. Herr Strößenreuther erkundigte sich nach Möglichkeiten und Chancen, das Thema „Fahrrad“ stärker im Unterricht zu platzieren und zu fokussieren.

 Es kam zur Sprache, dass leider wohl auch Fahrschulfahrzeuge sich Radfahrenden gegenüber nicht immer korrekt verhielten, insbesondere beim seitlichen Sicherheitsabstand.

 Wer noch mehr über die Zielsetzungen und Ansichten von Herrn Strößenreuther und der „Agentur für clevere Städte“ erfahren möchte, dem sei die Webseite der Agentur empfohlen, die über jede gängige Suchmaschine schnell zu finden ist.

 Wem durch diesen Beitrag die Hutschnur geplatzt ist und/oder mit Herrn Strößenreuther mal in eine lebhafte Diskussion treten möchte, der kann sich zur nächsten allgemeinen Pflichtfortbildung nach § 53 FahrlG von unserem Verband im Herbst d.J. anmelden. Dem Wunsch von Herrn Strößenreuther, mit noch mehr Fahrlehrern*innen intensiv zu diskutieren, ist Peter Glowalla spontan nachgekommen, indem er Ihn als Referent zu unserer Fortbildung eingeladen hat, was Herr Strößenreuther auch gleich dankend angenommen hat.

 Nach mehr als 2,5 Stunden endete die Veranstaltung. Wir danken an dieser Stelle ganz herzlich unserem Mitglied Stephan Schieke, der uns für dieses Arbeitskreistreffen seine Fahrschulräume zur Verfügung gestellt hat, und wir danken besonders auch der Person, die für das sehr reichhaltige, schmackhafte und deftige Abendbrot gesorgt hat.